Liebe Maria, liebe Leser,
es steht für mich ausser Frage, dass ich jeden Teil der Schöpfung achte und ihm entsprechend liebevoll begegne, soweit es mir möglich erscheint, jedoch finde ich, ist es ein Unterschied zu sagen, „…wie dich selbst.“
Der Feuerwehrmann hat sich bewusst dafür entschieden, sein Leben ggfs. für andere einzusetzen, muss er aber nicht, es „verlangt“ keiner von ihm – genauso verlangt es keiner von uns, sich selber in Gefahr zu bringen.
Hat Jesus die Pharisäer geliebt wie sich selbst?
Waren es nicht auch seine Nächsten?
Oder die Händler, die er wütend aus dem Tempel verjagte?
Ich glaube, dieses Wort „Nächster“ ist nicht zufällig gewählt und kann auch nicht beliebig ausgetauscht werden.
Ein einfaches kleines Beispiel:
Wenn ich einkaufen gehe, würde das bedeuten, dass ich für jeden x-beliebigen Mitmenschen für eine ähnlich Summe ebenso einkaufen gehen würde – ist das realistisch?
Es scheitert glaube ich daran, dass unsere Resourcen und Möglichkeiten (Zeit, Geld) nicht unbegrenzt sind.
Gott hat in dem Sinne unbegrenzte Möglichkeiten, er kann alle grundsätzlich gleich lieben.
Und ich glaube, darum heißt es auch ganz bewusst nicht „Liebe alle Mitmenschen wie dich selbst!“, denn es wäre unmöglich für uns.
Oder ein anderes Beispiel:
Wenn ich mit dem Auto unterwegs bin, steht immer mal wieder ein Tramper am Straßenrand, auch wenn es tendenziell immer seltener wird – und als ich noch kein eigenes Auto hatte (bis zu meinem 30. Lebensjahr), war ich beizeiten froh, wenn mich auch jemand mitnahm.
Die Entscheidung, ob ich stehen bleibe oder nicht, muss ich ja oft in Sekundenbruchteilen treffen.
Und manchmal bleibe ich ohne zu überlegen sofort stehen und manchmal nicht.
Es spielen da ja viele Faktoren mit rein:
– habe ich überhaupt Zeit dafür?
– habe ich Platz im Auto? (manchmal ist die Beifahrerseite z.B. durch Surfmaterial belegt)
– macht er/sie mir einen vertrauensvollen Eindruck?
– wäre ich auch bereit, evtl. einen kleinen Umweg zu fahren?
…
Mit der Anforderung an uns selber, jeden immer helfen bzw. dienlich sein zu können, überfordern wir uns, meine ich.
Was hier auch gut dazu passt, ist eine Überlegung, welche mir neulich ein guter Freund mitgegeben hatte.
Es ging um kleine Autounfälle, wo er meinte, wenn die Sachlage klar wäre, könnten doch beide Parteien ihr Auto rechts ran fahren, damit sie nicht den Straßenverkehr unnötig behindern, was aber oft (wohl aus Angst der dann nicht mehr Nachvollziehbarkeit der Beweislage) nicht gemacht wird.
Er führte den Gedanken weiter aus, was so ein kleiner Unfall bzw. der daraus entstehende Stau alles für Folgen mit sich bringen kann:
– wieviele wichtige Termine platzen dadurch (Arbeit, Flug/Bahn/Fähre, Notar, Hochzeit…)?
– wieviele Menschen kommen zu spät? (z.B. zur Arbeit -> wirtschaftlicher Schaden)
– wieviele Menschen sind danach genervt/gereizt und reagieren anders in Folgesituationen
…
Die Folgeschäden sind immens und im Grunde unabsehbar, denn sie vervielfältigen sich ins Endlose.
Und hier sind wir ebenfalls bei dem Punkt Begrenztheit unserer Resourcen…wir haben eben nicht endlos Zeit und Mittel.
Sicher können wir auch gerne mal bewusst zugunsten eines anderen auf etwas verzichten, dann ist es aber eine spezielle Situation und nicht die Regel.
Im Endeffekt ist es natürlich jedem selbst überlassen, wie er das handhaben möchte und oft handeln wir – ohne darüber nachdenken zu müssen – intuitiv, so wie du es auch beschreibst, liebe Maria.
Unser Inneres sagt uns ja eigentlich immer, was zu tun ist, insofern verlasse ich mich auch hierbei darauf.
Trotzdem lohnt es sich, meiner Ansicht nach, sich einmal konkret „hineinzudenken“, diese Worte Jesu in unserem Herzen wirken zu lassen, was damit eigentlich wirklich gemeint sein könnte…
Mit lichten Grüßen
Stefan
