Zukunftsgestaltung

Denken als Weg (3)

von | Juni 25, 2026 | Artikel, Denken, Zukunftsgestaltung | 0 Kommentare

„The soul of the rose“, John William Waterhouse

Denken und Fühlen – in welcher Verbindung stehen sie?

In den beiden vorhergehenden Beiträgen wurde schon beschrieben, warum das Denken gerade auf dem Gebiet der Sinnsuche, der Esoterik, der spirituellen Praktiken heute ein eher stiefkindliches Dasein fristet. Gefühle und große Emotionen dagegen haben Hochkonjunktur.

Welche Verbindung besteht aber zwischen dem Denken und dem Fühlen – oder besteht da gar keine?

In der Geisteswissenschaft bzw. einer integralen Spiritualität wie Rudolf Steiner, Heinz Grill und der indische Philosoph Sri Aurobindo sie in ihren Werken und Taten darlegen, wird das Bewusstsein oder die Seele des Menschen als ein lebendiges Weben von den drei Seelenkräften des Menschen, dem Denken, dem Fühlen und Wollen beschrieben. Stellen wir uns einen Menschen vor, der nicht denken kann, stellen wir uns vor, dass wir des Fühlens beraubt sind und schließlich, dass uns ein Wollen und damit eine grundlegende Antriebskraft zum Leben und zu Handlungen fehlt.
Solche Zustände können beispielsweise während Depressionen, bei einem Burn-Out oder psychischen Belastungen und Erschöpfungen auftreten. Dann wird bewusst, welche ordnende, lebensvolle, lernfreudige, kreative und alle Beziehungen bereichernde Kraft uns in so einem Zustand fehlt.

Das was ein wirkliches Denken ist, ist nun aber gar nicht so leicht erfassbar. Denn normalerweise mischen sich in unser Denken Wünsche oder Emotionen. Ich will etwas denken, aber im Grunde treibt mich ein Wunsch und Begehren. Dieses Ineinander- Vermischt-Sein von Denken, Fühlen und Wollen ist wohl ein „Normalzustand“ in uns. Will ich das Denken wirklich in seiner Natur erfassen, bedarf es dazu meist einer Schulung und eines ausdauernden Übens.

Die Bedeutung der Wahl eines Gedankens

Ein erster Schritt wäre, einen klaren Bezug, eine klare Trennung zwischen mir und dem Objekt, das ich betrachte, an dem ich forsche, herzustellen. Ich als Subjekt betrachte das Objekt.

Subjekt und Objekt sind hier nicht getrennt….

während hier die Betrachtenden und das Objekt sich nicht sogleich verbinden, sondern durch Beobachtung in Beziehung treten.

Um ein Denken zu schulen, bedarf es zunächst eines Verzichts auf das unmittelbare und so sehr ersehnte Gefühlserleben.

Ein zweiter Schritt wäre, einen Gedanken zu wählen, mit dem ich auf das Objekt blicke. Eine Frage, die ich mir zu dem Objekt stelle. Mache ich das nicht, bleibt es bei einem eher dumpfen Hinstarren auf das Objekt. Mit einem Gedanken aber werde ich seelisch rege.

So ein Gedanke könnte bei einer Naturerscheinung beispielsweise sein: „Wie arbeitet das Licht an dieser Pflanze?“ oder auch „Welche Farben zeigen sich an Stiel, Blättern und Blüte?“ Hier gibt es vielfältige Möglichkeiten der Wahl eines Gedankens.

Ein dritter Schritt wäre, dass ich diese Übung über mehrere Tage wiederhole.

Das Denken kann an vielseitigsten Objekten geschult werden: an der Betrachtung von Architektur, an geometrischen Formen, an Gemälden, an Textstellen aus inspirierter Literatur, an Zitaten aus den Evangelien wie beispielsweise hier.  

Harmonisch gestalteter Wohnraum im
„Casa della bellezza“, Tenno Norditalien

Der italienische Palazzo wurde nach Gedanken
von Heinz Grill durchgestaltet.

Die ansprechenden Formen eignen sich zur ruhigen
Betrachtung.

 

Gemälde „Spätsommer“
der schwedischen Malerin
Hilma af Klint

Wird eine solche ruhige Denkübung in Wiederholung getätigt, in einer bewussten Beibehaltung des Abstandes zwischen mir als Betrachter und dem betrachteten Objekt, so entsteht über den Gedanken, den ich dazu pflege im Laufe des Übens eine Beziehung zum Objekt.

Und was dann eintritt, berührt nun unser Gefühls- oder Empfindungsleben. Das bewusste, ruhige Schauen, das Pflegen eines Gedankens zum Betrachtungsobjekt führt früher oder später zu einer Beziehung, einer lichten Freude, einem tieferen Empfinden zu dem betrachteten Gegenstand. Der denkende Beobachter merkt vielleicht, wie die Formen der Architektur ihm plötzlich entgegenkommen, wie sie heller und farbenfroher werden und dies berührt ihn in seiner Seele.

Denken und Fühlen stehen in einem innigsten Zusammenhang, wenn der Denker die Geduld aufbringt, nicht sofort eine Verbindung zu seinem Objekt haben zu wollen, sondern es mit einem Gedanken zu betrachten und zu erforschen. In diesem Sinne wirkt Denken seelisch durchwärmend und durchlichtend.

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert