Lieber Stefan, liebe Leser,
du greifst den Begriff der Selbstfürsorge sehr aktiv auf. In dem Sinne, dass wir verantwortlich für unser Leben sind und auch für unsere Gefühlszustände. Dass wir nicht unsere Mitmenschen dafür verantwortlich machen. Und du gehst das Thema von der Seite an, wie mein empathisches Zugehen und mein Sich-Kümmern um meine Mitmenschen gerade im umgekehrten Sinn schließlich die beste „Selbstfürsorge“ ist, weil diese Haltung aufbauend auf mich zurückwirkt. Das finde ich sehr interessante Überlegungen.
Ein anderes Gedankenspiel möchte ich machen, da du das Evangelienzitat „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ anführst. Ich habe mir einige homepages und Beratungsseiten zu dem Thema der Selbstfürsorge angesehen und da habe ich mehr den Eindruck, dass die Aussage umgedreht wird, ungefähr so, „Zuerst musst du dich selbst lieben und nur dann kannst du auch deinen Nächsten lieben.“ Und da frage ich mich, ist das wirklich so? Also du Stefan, siehst es ja gleich in einem tieferen Sinne, nämlich dass die Liebe zum Nächsten an erster Stelle steht und damit auch eine Liebe zu sich selbst gegeben ist.
Mein Eindruck, so wie ich die Aussage in unserer Zeit verstehe, ist, dass diese Selbstfürsorge nicht mehr so sehr in einem seelischen Sinn verstanden wird, sondern mehr in einem physischen Sinn. Also, ich muss mich um mich kümmern, und erst dann kann ich auch auf andere schauen. Wir hatten hier im Forum ja auch schon eingehender das Thema der Liebesfähigkeit beleuchtet und da kommt es mir so vor, dass es sich ähnlich verhält, wenn ich als erstes geliebt werden will und nicht selbst mit allen Fasern darum ringe, Liebesfähigkeit zu entwickeln, ein liebesfähiger Mensch zu werden.
Was mich doch immer wieder wundert, dass Psychologen oder andere Berater durchgängig und felsenfest behaupten, sich zuerst um sich selbst zu kümmern, sei ein Akt der Reife und sei in keinster Weise egoistisch. Ich glaube, in manchen Fällen mag es das auch sein, aber es sollte doch vielleicht nicht zu einem für alle verbindlichen Grundsatz erhoben werden. So dass Menschen, die sich um die Entwicklung und das Wohl anderer bemühen schon fast als unreif und selbstschädigend angesehen werden. Wenn das die Grundhaltung der Menschheit wäre, so meine Überlegung, dann wären viele große Taten, die dem Allgemeinwohl dienten und dienen, erst gar nicht in die Geburt gekommen. Von dem her spricht mir auch deine Ansicht, dass an oberster Stelle die Übernahme einer Eigenverantwortung steht, sehr aus dem Herzen.
Liebe Grüße, Maria
-
Diese Antwort wurde vor 3 Wochen, 1 Tag von
Maria geändert.
