Aus dem Buch „Große Briefe der Freundschaft“ von Katharina Maier ist dieser Auszug eines Briefes von Rosa Luxemburg entnommen. Was diese wehrhafte, hochgebildete und für ihr Ideal einer freien und geachteten Arbeiterschaft lebenslang eintretende Frau leistete, ist aus heutigen Augen fast nicht mehr zu verstehen und verdient allen Respekt. An ihrem Leben ist es uns möglich, eine seelisch-geistige Gesetzmäßigkeit zu studieren: Menschen, die alles wagen, die ihr Ideal unbeirrt durchtragen, die keine Mühe scheuen, an dessen Umsetzung zu arbeiten, dafür sogar ihr Leben lassen müssen, bringen eine geistige Kraft in die Welt. Sie werden ausgegrenzt, ins Gefängnis geworfen, verachtet, ermordet, aber ihr Name, ihr Werk und ihre Liebe zu den Menschen leben als Inspiration für die Nachwelt weiter.
Zeugnis der tiefen Seelenkraft von Rosa Luxemburg gibt unter anderem dieser Brief, den sie kurz vor Weihnachten 1917 während eines mehrjährigen Gefängnisaufenthaltes in Breslau an ihre Freundin Sophie Liebknecht, die Frau des ebenfalls inhaftierten Karl Liebknecht, schrieb.
„Jetzt ist es ein Jahr, dass Karl in Lucka sitzt. Ich habe in diesem Monat oft daran gedacht, und genau vor einem Jahr waren Sie bei mir in Wronke und haben mir den schönen Weihnachtsbaum beschert. … Heuer habe ich mir hier einen besorgen lassen, aber man brachte mir einen ganz schäbigen, mit fehlenden Ästen, – kein Vergleich mit dem vorjährigen. Ich weiß nicht, wie ich darauf die acht Lichtlein anbringe, die ich erstanden habe. Es ist mein drittes Weihnachten im Kittchen, aber nehmen Sie es ja nicht tragisch. Ich bin so ruhig und heiter wie immer. Gestern lag ich lange wach – ich kann jetzt nie vor ein Uhr einschlafen, muss aber schon um zehn ins Bett. Dann träume ich Verschiedenes im Dunkeln. Gestern dachte ich also: Wie merkwürdig das ist, dass ich ständig in einem freudigen Rausch lebe, – ohne jeden besonderen Grund. So liege ich zum Beispiel hier in der dunklen Zelle auf einer steinharten Matratze, um mich herrscht die übliche Kirchhofstille, man kommt sich vor wie im Grabe; vom Fenster her zeichnet sich auf der Decke der Reflex der Laterne, die vor dem Gefängnis die ganze Nacht brennt. Von Zeit zu Zeit hört man nur ganz dumpf das ferne Rattern eines vorbeigehenden Eisenbahnzuges oder ganz in der Nähe unter den Fenstern das Räuspern der Schildwache, die in ihren schweren Stiefeln ein paar Schritte langsam macht, um die steifen Beine zu bewegen. Der Sand knirscht so hoffnungslos unter diesen Schritten, dass die ganze Öde und Ausweglosigkeit des Daseins daraus klingt in die feuchte dunkle Nacht. Da liege ich still allein, gewickelt in diese vielfachen schwarzen Tücher der Finsternis, Langeweile, Unfreiheit, des Winters,- und dabei klopft mein Herz von einer unbegreiflichen, unbekannten inneren Freude, wie wenn ich im strahlenden Sonnenschein über eine blühende Wiese gehen würde. Und ich lächle im Dunklen dem Leben, wie wenn ich irgendein zauberhaftes Geheimnis wüsste, das alles Böse und Traurige Lügen straft und in lauter Heiligkeit und Glück wandelt. Und dabei suche ich selbst nach einem Grund zu dieser Freude, finde nichts und muss wieder lächeln über mich selbst. Ich glaube, das Geheimnis ist nichts anderes als das Leben selbst; die tiefe nächtliche Finsternis ist so schön und weich wie Sammet, wenn man nur richtig schaut. Und in dem Knirschen des feuchten Sandes unter den langsamen schweren Schritten der Schildwache singt auch ein kleines, schönes Lied vom Leben,- wenn man nur richtig zu hören weiß. In solchen Augenblicken denke ich an Sie und möchte Ihnen so gern diesen Zauberschlüssel mitteilen, damit Sie immer und in allen Lagen das Schöne und Freudige des Lebens wahrnehmen, damit Sie auch im Rausch leben und wie über einen bunte Wiese gehen. Ich denke ja nicht daran, Sie mit Asketentum, mit eingebildeten Freuden abzuspeisen. Ich gönne Ihnen alle reellen Sinnenfreuden. Ich möchte Ihnen nur noch dazu meine unerschöpfliche innere Heiterkeit geben, damit ich um Sie ruhig bin. ….“
Rosa Luxemburg


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