Die Sache mit der Vergebung
Im Neuen Testament finden wir mehrere Stellen, in denen Christus Menschen, die zu ihm kommen, ihre Sünden vergibt. Eine der eindrucksvollsten Szenen ist jene, in der Maria Magdalena ihm im Hause eines Pharisäers die Füße mit Tränen benetzt, mit ihren Haaren trocknet und mit Salböl aus einer Alabasterflasche salbt. Der neapolitanische Maler Luca Giordano stellt diese Szene auf folgende Weise dar.

Gemälde von Luca Giordano (1634 – 1705)
Man kann das Bild ein paar Momente auf sich wirken lassen, um die verschiedenen Gemütsregungen deutlicher ins Auge zu fassen. Eine gedeckte Tafel, in kostbaren Gewänderngekleidete Frauen und Männer sitzen am Tisch des Pharisäers Simon, der auf der linken Seite dem Christus gegenübersitzend dargestellt ist. Rechts im Bild erstrahlt als lichte Gestalt der Christus, vor ihm, im Zentrum des Gemäldes kniet eine Frau mit offenen blonden Haaren, Tränen fließen über ihre Wangen und sie ist hingebungsvoll in die Tätigkeit, die Füße des Christus zu salben, vertieft. Ein gütiger Blick und eine segnende Hand des Christus sind auf sie gerichtet.
Was aber bewegt die anderen Tischgenossen?
Alle Blicke sind auf Maria Magdalena gerichtet und deutlich wahrnehmbar in missbilligender Weise. Die beiden Gestalten links und rechts des Christus verkünden offenen Zorn in ihren Augen. Die Person zur Linken, so hat es den Anschein, möchte fast handgreiflich werden und die Frau des Hauses verweisen. Neugier, Unverständnis, Getuschel hinsichtlich dieses ungehörigen Geschehens bringt der Maler in den Personen der Tischgruppe zum Ausdruck. Zwei offenkundig entgegengesetzte Ausdrucksweisen, die liebevolle segnende Haltung des Christus, und die stechenden, tötenden Blicke insbesondere der zwei anderen Personen in unmittelbarer Nähe des Christus.
Die Frau im Zentrum wie auch der Christus wirken unberührt von den sie umwogenden Emotionen und Verurteilungen. Maria Magdalena hebt sich wie heraus, sie kann nicht anders, sie begegnet dem Christus in einem Akt der unmittelbaren liebenden und von Reue geprägten Hinwendung. Es ist eine mutige, selbstvergessene, ganz auf ihn, den Christus, gerichtete Haltung.
Und so lauten auch die Worte Christi nach Lukas 7,47:
„Deswegen sage ich dir: Ihre vielen Sünden sind vergeben, denn sie hat viel geliebt; wem aber wenig vergeben wird, der liebt wenig.“
Eine Bildbetrachtung und eine meditative Hinwendung an diese Stelle aus dem Neuen Testament kann uns darin fördern, ein tieferes Verständnis zum Akt des Vergebens zu entwickeln. Maria Magdalena hat den Christus erkannt und sie erweist ihm ihre höchste Hingebung und Liebe. Sich in diesen tiefen Seelenzustand einzufühlen führt uns, wie ich meine, auch dem Phänomen der Vergebung näher.
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