Lieber Stefan, liebe Leser,
freut mich, dass du das Thema wieder aufgreifst. Für mich ist die große Frage bei der Vergebung, dass das mit Worten allein nicht getan ist. Nach meiner Auseinandersetzung mit diesem Phänomen, auch wie es im Neuen Testament beschrieben wird, lebt in der Kraft der Vergebung eine geistige Kraft, die ich als Mensch rein mit dem Willen oder mit meinem Wunsch gar nicht freisetzen kann, die sich aber dann freisetzt, wenn ich tatsächlich in eine Entwicklung gehe und voranschreite. Will ich Vergebung, sei es, dass mir vergeben wird oder ich jemandem vergebe, dann öffnet sich da noch kein neues Tor, ich bin ganz im Alten gefangen. Ich weiß nicht, ob ich mich verständlich ausdrücke. Vergebung hängt mit der Liebeskraft des Einzelnen zusammen, aber mir ist es wichtig, dass das nichts mit einem sogenannten “Gutmenschentum” zu tun hat. Also in dem Sinne, ich “vergebe”, weil es in unserer Gesellschaft gerade modern ist zu vergeben.
“Liebet eure Feinde” – das ist wirklich auch ein geheimnisvolles und meines Erachtens erst zu erringendes, auch mit dem Verstehen zu erringendes Gebot. Könnte es nicht auch bedeuten, dass ich mich mit dem Feind nicht anlege, nicht mit ihm kämpfe und mich damit aufarbeite, sondern ihn und seine Motive erforsche, wenn ich es tief genug mache, ihn erkenne und damit frei vom “Feind”, sogar mit größerer Kraft meine Entwicklung beschreiten kann? Dass der “Feind” mir sogar größere Kraft schenkt, als ich sie aus mir selbst hervorgebracht hätte? – Deine Beobachtung, dass der “abwärtsführende Strudel des Aufeinanderlosgehen durchbrochen wird”, kann ich gut nachvollziehen. Das ist es ja, woran wir Menschen uns aufarbeiten. Und wo wir nicht weiterkommen.
In diesem Zusammenhang finde ich einen Gedanken von Goethe ganz wunderbar: “Wenn wir die Menschen nehmen, wie sie sind, so machen wir sie schlechter; wenn wir sie behandeln, als wären sie, was sei sein könnten, so bringen wir sie dahin, wohin sie zu bringen sind.”
Das Pflegen dieses Gedankens bewirkt bei mir, dass ich tatsächlich mit schwierigen Beziehungen, Kontakten, leichter und gelöster umgehen kann und immer der Entwicklungswunsch und nicht die gerade bestehende Schwierigkeit im Vordergrund steht. Und ich habe auch schon gemerkt, dass andere diesen Gedanken auf mich anwenden… . Es bleibt nicht ohne Wirkung, wenn wir in so einem Sinne uns um ein gutes Miteinander und Wachstum bemühen.
Herzlich, Maria
