Wo und wie findet Denken statt?
Wenn ein Mensch denkt, dann gibt es einmal ihn als Person und den Gegenstand, das Thema oder Phänomen, das ihn zum Denken anregt. Wir sind mit einem Gehirn ausgestattet und es gibt viel wissenschaftliche Forschung zur Tätigkeit des Gehirns. Die Tatsache, dass wir ein Gehirn besitzen heißt aber noch nicht automatisch, dass wir mit dem Gehirn denken. In dem Sinne, dass das Gehirn neue, schaffende Tätigkeiten hervorbringt. Schon aber in dem Sinne, dass das, was wir einmal fundiert gelernt haben, im Gehirn gespeichert ist und dort auch abgerufen werden kann. Beim Erlernen einer Fremdsprache ist das der Fall. Durch Lernen, Üben, Wiederholen und eventuell sogar Leben in einem anderen Land wird uns die zunächst fremde Sprache vertraut und wir können mit ihr kommunizieren, auch in dieser Sprache denken.
Da gibt es nun einen Menschen und es gibt ein Thema, beispielsweise eine fremde Sprache. Oder einen Menschen und eine philosophische Fragestellung. Oder auch einen Handwerker und einen Schaden, der zu reparieren ist.
Diesen Personen ist allen eigen, dass sie sich einem Außenobjekt hinwenden.
Der Sprachstudent beschäftigt sich mit Vokabular, Grammatik, Phonetik u.a. .
Der Forscher oder Philosoph bewegt eine Frage, z.B. „Was ist das Ich des Menschen?“
Der Handwerker nimmt ganz konkret eine defekte Wasserleitung in Augenschein.
Wenn man sich die drei genannten Beispiele anschaulich vor Augen führt – es können auch andere Beispiele sein – dann entsteht der klare Eindruck, dass zwischen dem denkenden, wahrnehmenden, fragenden oder lernenden Menschen und seinem Objekt ein Bezug oder eine Wechselwirkung entsteht. Die Antwort oder die Lösung ist noch nicht gleich da. Es erfordert zunächst ein Hinsehen, ein Wahrnehmen und genaues Beobachten. Je nach Berufserfahrung, Fachkenntnis, Lernerfahrung und Ausdauer wird über kürzere oder längere Zeit ein Ergebnis heranreifen.
Würde der einzelne Denker, Lerner oder Forscher nur unverwandt auf sein Objekt starren, dann würde nichts weitergehen. Indem er sich aber eine oder mehrere Fragen stellt und mit diesen auf das Objekt blickt, wird er denkerisch rege.
Hinzu kommt, dass er durch Pausen, zum Beispiel indem er seine Fragestellung mit in den Schlaf nimmt, trotzdem innerlich oder seelisch bewegt am Thema bleibt und manches Mal ihm nach solchen Pausen die Lösung einfällt.
Wie ein herausragender Wissenschaftler das Denken sieht
Richard Feynman (1918 – 1988)
Richard Feynman war Nobelpreisträger in Physik und bekannt für seine Fähigkeit, komplexe Sachverhalte auf nachvollziehbare Weise zu erklären. Er beschreibt seine Art des Denkens auf folgende Weise:
„Die meisten Menschen denken gar nicht wirklich, sie akzeptieren einfach. Sie nehmen auf, was ihnen gesagt wird, ordnen es in ihr vorhandenes Bild der Welt ein und nennen das „verstehen“. … Denken aber, echtes Denken, bedeutet zu fragen, was wirklich passiert, nicht wie es heißt.“
Er stellt heraus, das Denken etwas ist, was man lernen kann, das es nicht ein Talent ist, mit dem man geboren wird. Sehr wesentlich für ihn ist, dass der Forschende Fragen stellt und sich etwas vorstellt, bis er es verstanden hat. Dabei sollte ihn nicht die Angst leiten, etwas nicht zu wissen.
„Ich finde es tatsächlich aufregend, wenn ich auf etwas stoße, das ich nicht verstehe, weil das bedeutet, dass es etwas Neues herauszufinden gibt, etwas Neues, womit man spielen kann….
Verstehen hat nichts mit Klugheit zu tun, es hat mit Ausdauer zu tun, damit, dass es einem wirklich wichtig genug ist, über etwas nachzudenken, statt es einfach hinzunehmen.“
„Wenn ich sage, man soll sich Dinge vorstellen, meine ich nicht, man soll sich Dinge ausdenken oder vereinfachen bis zur Unkenntlichkeit. Ich meine etwas Präziseres. Ich meine, man soll so lange an einem Gedanken arbeiten, so lange ihn drehen und wenden und von verschiedenen Seiten betrachten, bis man an den Punkt kommt, wo man sagen kann, ja, jetzt sehe ich es. Jetzt weiß ich, was hier wirklich passiert. Das ist oft unbequem, es dauert länger, als einfach auswendig lernen. Es fühlt sich manchmal an, als käme man nicht weiter. Aber dieser Zustand des Festsitzens, des Nichtkommens, das ist nicht das Versagen. Das ist der eigentliche Prozess. Das ist, wie Denken sich anfühlt, wenn man es wirklich betreibt.
Ich habe bemerkt, dass viele der besten Ideen, die ich je hatte, in Momenten kamen, wo ich nicht gearbeitet habe, wo ich spazieren gegangen bin, wo ich in der Badewanne saß, wo ich beim Essen irgendwie abgelenkt war. Das liegt daran, dass Denken nicht nur das ist, was passiert, wenn man am Schreibtisch sitzt und sich konzentriert. Denken passiert auch dann, wenn das Gehirn scheinbar nichts tut. Es arbeitet im Hintergrund weiter an dem Problem, das man ihm gegeben hat.“
(Zitate entnommen aus https://www.youtube.com/watch?v=sLTu1IULCec)
Es geschieht hier, wenn ein Mensch denkt, wenn er sich Fragen zu einem Phänomen stellt, etwas Geheimnisvolles. Feynman erklärt den Prozess, wie schließlich ein Ergebnis oder eine Erkenntnis entsteht, mit neurobiologischen Prozessen, die im Gehirn stattfinden. Für uns hochinteressant ist vor allem, dass die Haltung des Fragens, des Dranbleibens, des Nicht-Aufgebens, des Interesses und der Vorstellungskraft eine ausschlaggebende Rolle spielen.
Ohne den fragenden und interessierten Menschen und ohne seine Beziehung zu dem Objekt des Forschens und Lernens wäre das Denken kein Denken im eigentlichen Sinne. Eine Denken in dem Sinne, wie es hier ein sehr kreativer und der Welt und den Menschen zugewandter Wissenschaftler beschreibt und wie es auch in der Geisteswissenschaft gehandhabt wird. Ein „Bauchdenken“, ein Grübeln oder Spekulieren, ein reines Auswendiglernen ohne Verstehen, eine fantastische Intuition, alles das hat nicht wirklich etwas mit dem schöpferischen Prozess des Denkens zu tun.


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