Denken ist nicht gleich Denken
Es ist schon erstaunlich, wir denken jeden Tag und bei den meisten Tätigkeiten, die wir ausführen und trotzdem ist es nicht selbstverständlich, diese menschliche Aktivität in einfachen Worten zu beschreiben.
Dem Denken möchte ich mehrere Beiträge widmen, da mir im Austausch mit meinen Mitmenschen auffällt, wie es gerade im Bereich der Sinnsuche und modernen Esoterik ein Schattendasein genießt. Ist Denken kalt? Ist es kompliziert, erinnert es uns an Schule und Universität und weckt so manche missliche Erinnerung, wenn uns eine fremde Materie, ein wissenschaftliches Fach, eine algebraische Gleichung große Mühe bereitete und nicht spielerisch begreifbar war?
Setze ich Denken mit Kopfzerbrechen, Anstrengung, mühsamem Einverleiben mir zunächst unverständlicher Materie gleich, einer Materie, zu der ich keinen Bezug habe, dann ist das gewisse Unbehagen, das mir in manchem Gespräch hinsichtlich des Themas Denken begegnet, schon verständlich. Gefühle, Emotionen und schöne Erlebnisse scheinen daher für viele sinnsuchende Menschen einen Vorzug zu genießen. In diesem Artikel stellte ich dar, wie offenbar aus diesem Grund eine Belebung oder Bewusstseinsweitung verstärkt auf der Ebene der Gefühle gesucht wird.
Denken ist nicht gleich Denken
Denken denn alle Menschen gleich? Was ist Denken überhaupt?
Gern lasse ich hier den bayrischen Komiker Karl Valentin zu Wort kommen, der feststellte:
Und ebenso den großen Denker und Dichter Christian Morgenstern:
„Den oft gehörten Einwand, die geistige Welt sei nicht dem Erkennen, sondern nur dem Gefühl zugängig, entkräftet Morgenstern mit den Worten:
„Wer in dasjenige, was von Göttlich-Geistigem heute erfahren werden kann, nur fühlend sich versenken will, gleicht dem Analphabeten, der ein Leben lang mit der Fibel unterm Kopfkissen schläft.“
(aus „Christian Morgenstern, Leben und Werk“ von Bernd-Udo Kusch)
Beiden Aussagen liegt ein Verständnis zugrunde, dass mit Denken ein schöpferisches Prinzip gemeint ist, das wir Menschen wirksam werden lassen können. Wo alle das Gleiche denken, sind individuelle Ansätze, ein Thema oder Problem anzugehen, nicht vorhanden. Und wo wir nur auf Gefühle bauen, gerade im Hinblick auf Wahrheitssuche und Erkenntnisstreben, wirken wir tatsächlich fast wie unmündige Bürger, die, um bei dem Bild von Christian Morgenstern zu bleiben, lieber auf der Fibel schlafen, statt sie aufzuschlagen, sich anzusehen und mit einem Lernen zu beginnen.
Es gilt zu unterscheiden, ob ich unter Denken ein reines „Hineinpauken“ von Stoff verstehe, der für eine Prüfung beispielsweise wiedergegeben werden muss oder ob ich mich mit Interesse auf diesen Stoff zubewege. Wo Interesse und eigenes Wollen fehlen, ist meines Erachtens in der Folge auch ein Denken erschwert. Es gibt für dieses eher schwere und materialistisch orientierte Denken den Begriff des „Intellektualismus“. Ein Mensch weiß womöglich sehr viel, aber er ist nicht authentisch mit diesem Wissen verbunden. Das Denken und auch die Art der Wissensvermittlung mag dadurch eher hart und anstrengend wirken.
Anders ist es, wenn eine Person tief in ihrem Fach gegründet ist, sich über Jahre und Jahrzehnte eine Fachkenntnis angeeignet hat und es zudem spürbar wird, dass sie ein Ideal und Ziel, eine gewisse forschende Leidenschaft an den Tag legt und diese nun an ein interessiertes Publikum vermittelt. In einem Vortrag war es sicher für viele von uns schon einmal erfahrbar, dass dann „der Funke überspringt.“ Dass wir berührt und angeregt den Vortrag oder die Vorlesung verlassen und insgeheim spüren, dass diese Person authentisch ist. Und dass in dem, was sie sagt, eine bestimmte nachvollziehbare Logik liegt. Wie hat sie dieses Wissen errungen, wie hat sie sich in ihrem Fach oder Forschungsgebiet gegründet, dass dies nun auf angenehme und anziehende Weise direkt in der Persönlichkeit lebt?
Dieser große Unterschied eines intellektuellen Denkens, das eher kalt auf uns wirkt, im Vergleich zu einem lebendig forschenden Denken, das sogar eine wärmende und aufbauende Sphäre schafft, soll ganz an den Beginn der Auseinandersetzung mit dem Wesen des Denkens gestellt sein.
Ob das Denken innerhalb oder außerhalb von uns stattfindet, diese Frage soll in einem folgenden Beitrag behandelt werden.


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