Impressionen einer friedensfördernden Reisekultur
Noch ganz in den Anfängen des Jahres 2025 beschlossen wir, neun Mitarbeiterinnen der heilsamen Forschungsküche im nördlichen Italien, zu einer gemeinsamen 6-tägigen Reise aufzubrechen. Vorangegangen war ein Jahr intensiver kollegial-freundschaftlicher Zusammenarbeit in der Küche im Rahmen der freien Hochschule für Spiritualität, welche unter der Leitung des geistigen Lehrers Heinz Grill im Trentiner Bergdorf Lundo sowie der Waldlichtung Naone viele an seelisch-geistiger Entwicklung interessierte Menschen anzieht.
Rumänien war unser Land der Wahl. In den kurzfristigen Vorbereitungen waren alle entschieden, das Land auf eine neue Art kennenlernen zu wollen und die Reise so durchzugestalten, wie einige von uns es schon auf Reisen mit Heinz Grill erfahren hatten. Wir wollten dem Land, seinen Menschen, seiner Natur, seinen Bergen und seiner Landschaft, seinen Kulturschätzen, seiner Landwirtschaft und seiner Ernährung mit hoher Aufmerksamkeit und mit Entdeckerfreude entgegengehen. Auch die derzeitige wirtschaftliche und politische Situation des Landes interessierte uns.

Bevor wir unseren aktiv gestalteten Urlaub antraten, mit Fragen und verschiedenen Vorhaben im Gepäck, teilte uns Heinz Grill noch einige wertvolle Gedanken mit. Dass wir mit Bewusstsein den Menschen und Phänomenen des Landes gegenübertreten und danach forschen könnten, was die Originalität dieses Landes ist und wie Rumänien in seine Originalität kommen könne. Auf diese Weise lebendig bewegt begann die Reise mit dem Flieger nach Bukarest.
Wie gestalteten sich die ersten Begegnungen?
Am frühen Abend kamen wir im Hotel an. Es war Januar und nicht gerade eine typische Urlaubszeit für Rumänien, so waren wir zunächst die einzigen Gäste. Wir wurden freundlich empfangen und unsere Frage, ob morgen früh ein erfrischendes Bad im direkt angrenzenden See, dem Herastrau-See, möglich wäre, wurde belustigt verneint. Zu kalt und das Wasser leider nicht sauber genug.
Eine Prise Humor kam uns auch gleich wieder beim Frühstück entgegen, wo uns nicht nur das Frühstückspersonal anlächelte.

Für jeden Tag hatten wir bestimmte Aktivitäten und Ausflüge geplant. Erstaunlich, wie leicht es war, zu Neunt meist schnell einen Konsens zu finden. Dies lag sicher daran, dass wir alle entschlossen waren, nicht in erster Linie unseren persönlichen Vorlieben und Gemütsregungen nachzugehen, sondern aus Erfahrung schon wussten, dass es sinngebend ist, die Tage aktiv, zielgerichtet und rhythmisch durchzugestalten. Wir waren voller Freude über diese Reise und ihre Möglichkeiten. Und gerade, weil wir uns bewusst waren, dass wir nicht für unser Wohlbefinden, sondern für ein Kennenlernen und einen Aufbau unseres Gastlandes unterwegs waren, erleichterte und verschönte dies unser Vorhaben. So begann jeder Morgen mit einer Stunde Yoga-Praxis, anschliessend draußen in der Natur betrachteten wir das Licht und bestimmte Naturphänomene. Spaziergänge und Wanderungen waren auch stets auf dem Programm. Obwohl nicht für alle Tage schönes Wetter vorhergesagt war, begleitete uns dennoch über unsere Reisezeit durchgehend gutes Wetter und Sonnenschein. Es waren eindrückliche Lichtverhältnisse, ob nun in der Innenstadt von Bukarest, in den südlichen Karpaten oder in Constanta am Schwarzen Meer.

Morgenstimmung am Lacu Herastrau

Abendstimmung in Bukarest
Wenn ich mir jetzt im Nachklang an diese Reise die menschlichen Begegnungen in Erinnerung rufe, dann zeigt sich am meisten eine Wesensart der Rumänen, die ich als entgegenkommend, freundlich und hilfsbereit empfand, aber keineswegs aufdringlich. Eine ruhige, eher bescheidene, selten von Hektik oder Stress gezeichnete Haltung konnten wir die Tage durchgehend erleben.
Besonders eindrucksvoll war unser Besuch auf dem Obst- und Gemüsemarkt in Bukarest. Dort hatten wir uns vorgenommen – unauffällig natürlich – zunächst einmal das Treiben, die Stände, die zur Schau gestellten Früchte und Gemüse zu betrachten und wahrzunehmen, wie die Marktleute mit ihren Kunden und Waren in Beziehung stehen und in Beziehung treten. Eine besondere Sorgfalt im Richten und Putzen der Gemüse und in ihrer Präsentation stach ins Auge. Ich konnte augenscheinlich die Wertschätzung der Produzenten zu ihren Waren erleben und wiederum eine große, selbstverständliche Ruhe, die von vielen der Marktleute ausging. Sehr schön anzusehen waren die hochaufgetürmten Quitten, die Berge von entkernten Walnüssen und die auf kunstvollen Strängen geflochtenen Knoblauchknollen.


Offensichtlich führt eine Betrachtungsübung wie die von uns ausgeführte zu einer weiteren Belebung des Ortes, der Lichtverhältnisse und der Beziehungssphäre, was für uns alle wahrnehmbar wurde.
Begegnungen ergaben sich leicht und ungezwungen auf unserer Reise. Sei es mit dem Hotelpersonal, mit Menschen im Park, in Cafes, auf dem Markt und in Restaurants. Wenn sich die Gelegenheit ergab, von unserem Anliegen dieser Reise zu sprechen, von unserem Interesse daran, wie es den Menschen in Rumänien geht, was sie bewegt, dann kam uns große Freude entgegen. „Was, ihr kommt hierher, nach Bukarest? Von dort, vom Paradies am Gardasee…“
Unser interessiertes Zugehen führte zu aufrichtiger und gegenseitiger Wertschätzung.
Was die Küche Rumäniens betrifft, so hatten wir jeden Abend Gelegenheit, rumänische Gerichte kennenzulernen. Es ist nicht schwierig, in den Restaurants vegetarische Gerichte zu erhalten. Bohneneintopf, Polenta, Salate, Gemüsegerichte und Suppen sind Teil dieser Küche. Wir konnten feststellen, dass weniger Getreide und dagegen viel Gemüse und frische Salate auf den Tisch kamen. Diese waren durchwegs sehr gut und bekömmlich zubereitet.

Die „Old Kitchen“ in Bukarest mit schlichter und gemütlicher Einrichtung gefiel uns auf Anhieb. Sie wird von einem Ehepaar betrieben, das uns erzählte, dass sie nun acht Jahre harter Arbeit hinter sich hätten und aktuell einen ersten Aufbau verspüren könnten. Wir erlebten, dass diese Menschen wirklich viel arbeiten und mit großem Ehrgefühl ihr kleines Restaurant betreiben.
Das Erleben der Natur
Ich habe schon erwähnt, dass Lichtbetrachtungen ein bis zweimal am Tag von uns getätigt wurden. Auf diesem Foto sind wir in den südlichen Karpaten mit Blick auf Wald und schneebedeckte Bergkuppen.

Unser aller Anliegen war ja, wie eingangs beschrieben, dem Land, seinen Menschen und seiner Natur mit Bewusstsein gegenüberzutreten. Eine Landschafts- und Lichtbetrachtung ist immer objektiv. Ich schwelge als Betrachter nicht in den schönen Anblicken, sondern schaue fünf bis zehn Minuten einen Ausschnitt aus der Landschaft an. Dabei kann ich mir Fragen stellen wie „Wie wirkt das Licht in der Waldzone? Wie auf den Berggipfeln?“ oder auch „Wie wirkt die Landschaft, ist sie plastisch entgegenkommend oder eher zurückgezogen?“ Wir praktizieren hier eine von mehreren Seelen- oder Bewusstseinsübungen, die Heinz Grill in seinem Buch „Übungen für die Seele“ anschaulich und praktisch angeleitet beschrieben hat. Solche Übungen führen zum einen zu einer Anhebung der Atmosphäre, zum anderen zu einer Zentrierung und Ruhe bei der betrachtenden Person.
Nachdem wir einen Ausflug in die Berge gemacht hatten, schloss sich am nächsten Tag eine dreistündige Autofahrt ans Schwarze Meer in die Stadt Constanta an. Der Strand war verständlicherweise Anfang Januar menschenleer, doch kann man sich vorstellen, wie hier im Sommer der Tourismus erblüht. Erhebend ist der Anblick eines Meeres immer, wir praktizierten am Strand Yogaübungen und tauchten kurz ins kalte Wasser.
Die Architektur in Bukarest
Persönlich empfand ich den ersten Spaziergang durch die Stadt leicht verwirrend. In keinem Land sind mir bisher so viele verschiedene Baustile nebeneinander und manchmal auch übereinander begegnet.



Plattenbauten aus der Zeit des Kommunismus, wunderschöne neoklassizistische Gebäude und moderne Hochhäuser. Über mögliche Gründe recherchierte ich erst wieder zu Hause und wurde z.B. in diesem Artikel fündig (Zur Entwicklung der Bukarester Stadtarchitektur) , aus dem einige Stellen zitiert sind:
„Bukarest hat in der Zwischenkriegszeit seine bedeutendste Verwandlung erfahren, während der Herrscherzeit Karls II., also zwischen 1930 und 1940. Sorin Vasilescu ist Professor an der Bukarester Universität für Architektur und Stadtplanung Ion Mincu. Er berichtet, die Architektur der Zwischenkriegszeit sei in Bukarest stets in enger Verbindung mit dem Königshaus gewesen…Den stärksten Einfluss auf die Bukarester Architektur hatte der Jugendstil. Vertreten sind ferner auch die sogenannte Staatsarchtitektur, die faschistische Architektur aus Italien, und gegen Ende der 1920er und in den 1930ern der nordamerikanische Art-Noveau-Stil. In der rumänischen Architektur hat der Jugendstil aber die Moderne eingeleitet….Der Einfluss der Tradition war nicht weniger wichtig, als in der Bukarester Architektur ein moderner rumänischer Stil entstand. Das sei der neurumänische Stil gewesen, erklärt Sorin Vasilescu. …Die Architektur in Bukarest erreichte in der Zwischenkriegszeit ein Höchstmaß an Integration westlicher Ideen und an Innovation. Trotz der eher unglücklichen Veränderungen nach 1945 trägt die rumänische Hauptstadt noch die Handschrift der Architekten aus der Zeit der Monarchie.“
Und auch Ceausescu (1918 – 1989) hatte seinen Einfluss geltend gemacht. Er machte ein Fünftel der Bukarester Altstadt dem Erdboden gleich, 40 000 Bukarester wurden zwangsumgesiedelt, damit das „Haus des Volkes“ entstehen konnte, wie Ceausescu es nannte, ein gigantisches Bauwerk als Ausdruck seiner politischen Macht.
Unsere Erkundungen unternahmen wir nicht immer zu Neunt, wir empfanden es sinnvoll und zentrierend, uns dann und wann in Kleingruppen aufzuteilen und einem bestimmten Thema nachzugehen. So wählten an einem Tag drei von uns die Architekturbetrachtung, andere begaben sich auf die Suche nach originalem Handwerk oder originaler Kunst und wieder andere widmeten sich mit Bäckereibesuchen dem rumänischen Backhandwerk.
In diesem Zuge erfolgten von unserer architekturinteressierten Gruppe Besuche beim „Athenäum“ und in einer Buchhandlung mit Café, die auf sehr ansprechende und lichtdurchflutete Weise architektonisch umgestaltet worden war.

Das Athenäum wurde ab 1885 erbaut, hatte wechselnde Bestimmungen und ist heute Sitz des Bukarester philharmonischen Orchesters.
Eine ruhige Betrachtung dieser harmonischen, reichhaltigen und erhabenen Architekturformen wirkt anregend und zugleich zentrierend auf das Seelenleben des Betrachters.
Und noch ein paar Anmerkungen zu Wirtschaft und Politik des Landes
In verschiedenen Begegnungen äußerten sich Rumänen auch zu diesen Themen. Bei einem gemeinsamen Abendessen ging Daniel, ein Rechtsanwalt, der als Jurist in einer großen Bank arbeitet, freundlich auf unsere Fragen ein und schilderte seine Sicht zu seinem Heimatland. Er befürworte in der EU zu sein, was solle man gegen diese Zugehörigkeit haben, da Rumänien (Stand 2023) ca. 8 Milliarden Zuschüsse erhielt und nur 2 Milliarden an die EU zahlen muss? Ja, es gebe auch Arme im Land, aber diese seien dennoch nicht ausgegrenzt, sondern gut in die rumänische Gesellschaft integriert. Insgesamt sehe er Rumänien auf einem guten Weg.
Eine andere spontane Bekanntschaft, Patrick, zeichnete uns ein wieder anderes Bild. Leider würde den Rumänen eingeredet, dass ihre Produkte weniger wert seien, als Produkte aus anderen europäischen Ländern, also im Sinne, rumänischer Wein, rumänischer Käse seien von minderer Qualität als beispielsweise französischer Wein. Er selbst beklagte auch, dass Rumänien in der EU kein wirkliches Mitspracherecht habe und kein Veto gegen manche Beschlüsse einlegen könne. „Under the umbrella of progress, the country goes down.“ Dies war seine Wahrnehmung zu Rumänien. Einen politischen Wechsel, der Rumänien einen besseren Stand innerhalb Europas gibt, würde er begrüßen.
Wir machten auch die Bekanntschaft von Aleksandra, einer, wie uns schien, weltgewandten und emanzipierten Frau, die uns erklärte, das Schlimmste für sie sei, wenn der Kommunismus wiederkomme. Sie habe die Zeit unter Ceausescu erlebt und wolle so etwas nie wieder erleben. Schließlich fanden noch Begegnungen im Flugzeug statt und eine Kollegin hatte beim Rückflug ein sehr informatives Gespräch mit einem jungen rumänischen Familienvater. Er selbst arbeitet in Deutschland, möchte aber in der Zukunft wieder in sein Land zurück, im Moment sei es aber so, dass der Verdienst auf dem Land in Rumänien für eine Familie zu gering sei. Er meinte, es brauche eine Regierung, die für das Volk denke und gegen die Korruption im eigenen Land vorgehe. Denn man könne keinen Betrieb oder ein Geschäft führen, ohne Schmiergeld zu geben, auch kein Arzt behandle ohne Erhalt eines solchen “Zuschusses” richtig. Er selbst würde eine Präsidentschaft von Calin Georgescu befürworten, da dieser sich für die Werte des Landes und seine Souveränität einsetze.
Die wirtschaftliche und politische Situation ist komplex. Calin Georgescu, dessen erster Wahlgang im November 2024, in dem er die Mehrheit der Stimmen erlangte, kurzerhand vom Verfassungsgericht annulliert wurde – was in den deutschen Medien so gut wie nicht zur Sprache kam – will sich u.a. dafür einsetzen, dass der Ausverkauf von rumänischem Grund und Boden an ausländische Investoren gestoppt wird. Er ist auch für natürliche Beziehungen zu Russland und für ein größeres Mitbestimmungsrecht der Rumänen innerhalb der EU. Für Mai 2025 sind die nächsten Wahlen angesetzt.
Hier noch ein originelles Wahlwerbevideo von Georgescu.
Unser Wassererlebnis und was ist ein Opfer?
Zum Abschluss dieses Reiseberichtes möchte ich noch zwei Erlebnisse anführen, ein heiteres und ein erkenntnisreiches.
Geplant war von uns jeden Tag eine bewusste Begegnung mit kaltem Wasser, die nach unserer Erfahrung gesundheitsförderlich belebend auf den ganzen Organismus und die Psyche wirkt. Diese Pläne waren jedoch von wenig Erfolg begleitet. Nachdem unser Lacu Herastrau beim Hotel in Bukarest sich als nicht badegeeignet erwies, war ein Wasserfall in den Karpaten das nächste Ziel. Doch so schön der Wasserfall auch war, er war unten mit einer dicken, beengenden und wenig einladenden Betonmauer umfasst. So schnell gaben wir nicht auf und eine Kollegin brachte einen See an der Randzone von Bukarest in Erfahrung. Dort angekommen, war er ausgelassen, was uns sehr erheiterte. Schließlich kam es an einem Tag doch zum Erfolg unserer Bemühungen, am Schwarzen Meer, das uns nicht enttäuschte: Es war da, es war weit und sein Wasser klar und von äußerst erfrischender Kälte.
Die Reise nach Rumänien, die uns bis heute bewegt und deren Eindrücke uns lebendig begleiten, hat eine Erkenntnis noch tiefer in uns verankert. Wenn ich ein Land bereise mit dem aufrichtigen Wunsch nach Aufbau, guten Begegnungen, Friedensförderung, Anteilnahme an der Bevölkerung, dann tritt die eigene Person mit ihren Gewohnheiten, Bedürfnissen und Eigenheiten in den Hintergrund. Das aktive Teilhaben an einem anderen Land mit der Bemühung um objektive Wahrnehmung wird zu einer Gabe an dieses Land oder mit anderen Worten, es ist ein freudiges Opfer, nicht schwer und lastend, sondern wie ein Ballast, der um des Aufbaus willen hinwegfällt. Der Wunsch, dass Rumänien zu seiner Kraft und Selbstbestimmung findet, dass jeder einzelne Bewohner sich des Reichtums und der Möglichkeiten seines Landes bewusst wird, sie erneut schätzen lernt und das Land in einem freien und auch wirtschaftlich erfolgreichen Sinne miterbaut, ist seither in unseren Herzen angelegt und wird die künftige Entwicklung von Rumänien weiter begleiten.
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