#8671
Maria
Administrator

    Lieber Stefan, liebe Leser,

    es geht dir, wie ich dich verstehe, sehr darum, dass jeder seinen individuellen Weg findet und geht. Dagegen habe ich nichts einzuwenden, ich halte es für richtig. Irgendetwas beizutreten oder einer Gruppe anzugehören hindert oft an einer ernsthaften Suche und Weiterentwicklung. Worum es mir geht, ist die Beziehung, die der Einzelne zu dem Lehrer, der Wahrheit, dem Christus oder auch ganz einfach zu einem anderen Menschen aufbaut, wenn er sich auf einen solchen Weg begibt.

    Ich greife nocheinmal deine Aussage vom 19.Februar heraus. „….Aber vielleicht habe ich mir die Antwort gerade auch schon selber gegeben – nämlich als ich oben über Jesus Christus geschrieben habe – die innere Wahrheit leben…das könnte der Fixpunkt sein und wäre gleichzeitig der Weg – und das Ziel hieße dann wirkliche Lebendigkeit…:-)…“ Im gleichen Beitrag weiter oben erwähnst du die Bibelstelle “Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zum VATER denn durch mich!”

    Dazu meine folgenden Gedanken: Ich habe eine Bekannte, leider ist sie vor 10 Tagen verstorben, die berief sich auch immer auf diese Aussage. Ich nehme grundsätzlich das Evangelium sehr ernst und halte es für eine inspirative Schrift, die der Hinwendung und eines wiederholten Lesens bedarf, damit die Inhalte sich erschließen. Mich würde tatsächlich interessieren, wie du dann konkret den Bezug zum Leben herstellst, wenn Christus die Worte spricht „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben?“ – Es würde ja bedeuten, mit allen Fasern und allem Streben die Person und das Wirken des Christus zu erforschen, um es zu erkennen und dann auch die Bedeutung seiner Worte zu erkennen. Und genau da, wie ist da dein Vorgehen? Ich nehme dich mal beim Wort, du schreibst, das hieße dann, „die innere Wahrheit leben…. und das Ziel hieße dann wirkliche Lebendigkeit.“

    Jetzt werden verschiedenste Menschen wieder eine ganz unterschiedliche Auffassung davon haben, was die „innere Wahrheit“ ist und was „wirkliche Lebendigkeit“ ist. Wenn ich das mal ganz vorsichtig ausdrücke, kann es nicht sein, dass das, was du hier als Ziel beschreibst, das Ergebnis eines Werdeprozesses ist und eben nicht im Handumdrehen gelebt werden kann, in dem Sinne – ich bin ab heute wirklich lebendig? Verstehst du, was ich meine, mir fehlen die nachvollziehbaren Zwischenschritte.

    Zum anderen, wo ich über das Missionieren schreibe und dass ich persönlich nicht angezogen bin von einem Menschen, der anderen sagt, „Wacht auf“ etc. Das ist eine sehr individuelle Entscheidung, wen eine Person für sich als Lehrer annimmt und wen nicht. In der Schule habe ich bei den Lehrern und Lehrerinnen besser gelernt, die ich als authentisch und begeistert von ihrem Fach wahrnahm und die mich als Schülerin auch in meinem Lernen und meiner Person bestärkten. Ich stimme dir zu, dass wir von anderen lernen und lernen sollten, da wir sonst auf einem sehr beschränkten Niveau blieben. Jedoch, von wem ich etwas annehme und von wem weniger, das entscheide halt ich selbst. Wie sehr es mir um den Menschen und seine Authentizität geht und mich gerade die Authentizität anzieht, das schreibe ich nochmal an einem Ereignis, das ich vor kurzem erlebte. Es ging ein Sprachkurs an einem Krankenhaus zu Ende, alle Teilnehmer waren aus den verschiedensten Ländern der Welt und in ihrer Krankenpflegeausbildung. Ein junger arabischer Mann war mir während des ganzen Kurses aufgefallen, seine Höflichkeit, sein Lerninteresse, seine Beiträge, nicht zuletzt seine äußere schöne Erscheinung und dieser Mann überreichte mir am Kursende in einer sehr ansprechenden Geste einen Koran in deutscher Übersetzung. Ich nahm ihn dankend entgegen und sagte ihm, dass ich ihn lesen werde.
    Ich hätte bisher viele Möglichkeiten gehabt, den Koran zu lesen, aber hier ist es wirklich die schöne Haltung des Mannes, die mich anregt, mich jetzt mit dieser Schrift zu beschäftigen. Hätte mir auf der Straße jemand einen Koran in die Hand gedrückt – so machten die Hare Krishnas es ja früher oft mit der Bhagadvagita – hätte ich wahrscheinlich eher ablehnend reagiert. Soweit meine Einstellung zum Missionieren.

    Noch ein letzte Wort zum Glauben. Diesen Begriff kann ich im oberflächlichen, allgemeingebräuchlichen Sinn verstehen als etwas für wahr halten, aber eben nicht sicher sein. Ich kann ihn jedoch auch als tiefste Seelenkraft im Menschen verstehen, so wie er in den Evangelien gebraucht wird, Petrus, der über das Wasser wandeln kann und einbricht, als er es mit der Angst zu tun bekommt oder die Heilungen, wo Christus sprach, zu den Aussätzigen und anderen schwer erkrankten Personen „Dein Glaube hat dich geheilt.“ Oder den Glauben, der Berge versetzt. Dieser Glaube interessiert mich zutiefst.

    Mit herzlichem Gruß, Maria