Liebe Leser,
oft habe ich mich gefragt, gibt es eigentlich einen Film, ein Buch, in dem die Liebe in all ihren unterschiedlichen Facetten, nicht enthalten ist oder nicht sogar die treibende Kraft des Inhalts und der Geschichte ausmacht? Das Thema und der Begriff der Liebe ist anspruchsvoll, es soll aber dennoch nicht davon abhalten, auch die kleinen Nuancen der Liebe hier auszudrücken. So beginne ich es einmal mit einem heiteren Gedicht von Joachim Ringelnatz (1883 – 1934), dessen im wahrsten Sinne gebeuteltes Leben ihn nicht von Humor und Schaffenskraft abhalten konnte. Dieser Dichter, der sich nach Aussage eines seiner Lehrer den Ruhm “eines Schulrüpels ersten Ranges” erworben hatte, besticht durch seine klare Beobachtungsgabe des Alltags und seine ureigene und originelle poetische Wortfindung. Hier der Auftakt zu unserem Thema:)
Kürzeste Liebe
Blöde Bauern, die den biedern
Gruß der Bürger nicht erwidern,
Menschen, die mit halbem Nicken
Danken, ohne aufzublicken.
Prüde, scheue Frauen leise
Kinder, würdevolle Greise –
Aber wenn an Dorf und Feld und
Wald vorbei dein Schnellzug braust,
Du aus deinem Wagen schaust:
Ja, dann stehen – stehn auch diese
Ganz dir zugewandt am Hange,
Vor dem Stalltor, auf der Wiese – .
Und sie winken. Winken Lange.
Grüßen voll und grüßen frei
Dich und deine Fahrtgenossen.
Und die reinste Liebe wird vergossen
Im Vorbei.
