Es ist nicht schwer im heutigen Deutschland nach vielen Jahrzehnten Gedenktage zu feiern und der Schandtaten, die im Dritten Reich begangen wurden, zu gedenken. Wie aber ist es, wenn man sich zu Wort meldet, gleich wenn die Schandtat geschieht oder auf die Gefahr, dass sie eintritt, öffentlich hinweist? Sofort und mit Betroffenheit und womöglich unter Gefährdung des eigenen Lebens und des eigenen Rufes?
Ein Beispiel aus der Zeit des Nationalsozialismus ist hierfür der Schriftsteller Oskar Maria Graf. Als zwischen März und Oktober 1933 Bücher bedeutender Autoren und Geistesgrößen Deutschlands verbrannt werden, meldet er sich zu Wort. Die Polizei hatte in seiner Abwesenheit Manuskripte und Werke von ihm aus seiner Wohnung geholt, eigentlich war sie gekommen, um ihn zu verhaften. Zu seiner höchsten Überraschung werden seine Bücher nicht verbrannt, sondern auf eine sogenannte „Weiße Liste“ gesetzt. Er schreibt:
Laut „Berliner Börsencourier“ stehe ich auf der „weißen Autorenliste“ des neuen Deutschlands, und alle meine Bücher, mit Ausnahme meines Hauptwerkes „Wir sind Gefangene“, werden empfohlen: Ich bin also dazu berufen, einer der Exponenten des „neuen“ deutschen Geistes zu sein!
Vergebens frage ich mich: Womit habe ich diese Schmach verdient?
Das „Dritte Reich“ hat fast das ganze deutsche Schrifttum von Bedeutung ausgestoßen, hat sich losgesagt von der wirklichen deutschen Dichtung, hat die größte Zahl seiner wesentlichsten Schriftsteller ins Exil gejagt und das Erscheinen ihrer Werke in Deutschland unmöglich gemacht. …..
Und die Vertreter dieses barbarischen Nationalismus, der mit Deutschsein nichts, aber auch rein gar nichts zu tun hat, unterstehen sich, mich als einen ihrer „Geistigen“ zu beanspruchen, mich auf ihre so genannte „weiße Liste“ zu setzen, die vor dem Weltgewissen nur eine schwarze Liste sein kann!
Diese Unehre habe ich nicht verdient!
Nach meinem ganzen Leben und nach meinem ganzen Schreiben habe ich das Recht, zu verlangen, dass meine Bücher der reinen Flamme des Scheiterhaufens überantwortet werden und nicht in die blutigen Hände und die verdorbenen Hirne der braunen Mordbande gelangen. Verbrennt die Werke des deutschen Geistes! Er selber wird unauslöschlich sein wie eure Schmach!
Alle anständigen Zeitungen werden um Abdruck dieses Protestes ersucht.
Oskar Maria Graf


0 Kommentare