Ein Spaziergang im kleinen Trentiner Bergdorf Lundo unweit des nördlichen Gardasees. Sehr schön ist es gelegen, meist brechen in den Morgenstunden dort die Sonnenstrahlen schon durch, während zur gleichen Zeit der weiter unten gelegene Thermalbadort Comano Terme noch dicht in Nebel gehüllt ist.
Lundo vor 20 Jahren erweckte den Eindruck eines jener alten italienischen Dörfer, die vor allem von jungen Leuten verlassen werden, die anderswo Arbeit und belebtere Lebensmöglichkeiten suchen. Und ältere Menschen aus der Region von Comano Terme berichteten, wie sie als Kinder halb scherzhaft, halb drohend zu hören bekamen „Wenn du nicht brav bist, schicke ich dich nach Lundo.“ Ein verschlafener Ort, ein aussterbendes Dorf, an dem die Welt zu Ende ist?
Gehen wir heute durch Lundo, so zeigt sich ein gänzlich anderes Bild. Das Dorf hat sich verwandelt.
Ich konnte diese Verwandlung über die Jahre miterleben. Ein erstes Haus am oberen Ortsrand an der Waldgrenze wurde gekauft und nach künstlerischen Ideen von Heinz Grill umgestaltet.
Es dauerte nicht lange, da kam ein italienischer Nachbar, der sich die Ideen ansah und einige davon auch in seinem Haus umsetzte. Und im Laufe der Jahre fand durch die Dorfbewohner wie auch durch italienische und international zugezogene Neubewohner, die sich Wohnungen oder Häuser kauften, die ebenfalls umgebaut und durchgestaltet wurden, eine richtiggehende Verschönerung des kleinen Lundo statt. Gestaltete Gärten mit Blumen und Steinen, Ausbau von alten Häusern, ein Landwirt beschloss, seine Apfelplantagen auf biologischen Anbau umzustellen, eine Frau aus Milano eröffnete ein erstes bed &breakfast, dem sich bald ein zweites anschloss, italienische Familien mit Kindern wie auch Künstler zogen nach Lundo.
Neuerbaute Holzhäuser, die sich sehr gut ins Dorfbild einfügen.
Harmonische Innengestaltung – das Limonenzimmer
Typisches altes Haus mit Torbogendurchfahrt
Neuangelegte Lavendelwiese
Wandmalerei im Casa Cereali, dem Getreidehaus
Der Besucher erlebt eine Vision von Lundo –
licht- und luftumwogte Getreidefelder können in Zukunft die Gegend bereichern
Eine schon wahrgewordene Vision- biologische Apfelplantagen mit einzigartig aromatischen Äpfeln – Regionales von nebenan
Das Sonnenhaus – moderne lichtdurchflutete
Architektur
Lundo zieht Künstler an, es gibt ein aufwendig renoviertes „Künstlerhaus“, in dem sich auch eine Backstube befindet. Ausstellungen insbesondere von zeitgenössischen italienischen Künstlern finden das ganze Jahr über statt.
Das Experiment einer neuen Wohnkultur wird hier von den Zugezogenen und Gästen gelebt. Welche Tragik lebt doch oft in Tourismusgegenden, in denen Häuser von Wohlhabenden aufgekauft werden, die dort höchstens einen Monat im Jahr verbringen, den Rest des Jahres herrscht trauriger Leerstand bei gleichzeitiger Wohnungsknappheit und überteuerten Mieten für die einheimische Bevölkerung. In Lundo wechseln die Bewohner lebendig durch, dies bei voller Verantwortung, das Heim wieder gesäubert und geordnet zurückzulassen. Jeder, der das einmal ausprobiert, erfährt, wie sich Wertschätzung zu einem schönen ästhetischen Wohnen und zum jeweiligen Besitzer ausprägen.
Alte, unrenovierte Bausubstanz und phantasievoll restaurierte Häuser stehen sich gegenüber.
Italienische Familien renovierten diese Häuschen
Künstlerische und kulturelle Elemente durchziehen das Dorf und schaffen Orte der Schönheit und Begegnung
Ein Ort der Begegnung ist das Künstlerhaus, doch Lundo hat mehrere schöne Plätze, an denen sich Bewohner und Gäste treffen. Kinder und ihre Eltern besuchen gern die einladende Naturspielwiese. Auch die Dorffeste finden dort in der Nähe des Dorfmittelpunktes statt.
Kunst und Natur im Einklang
Die Quelle, der diese Fülle von neuen Kulturideen entspringt
Initiator der vielen Initiativen ist Heinz Grill, bekannter Kletterer, Begründer eines ästhetischen Yogaübungsweges und spiritueller Lehrer. Er ist eine Persönlichkeit, die sich sehr natürlich, wohlwollend und wertschätzend in das kleine Dorf integriert. Seine Arbeit wirkt auf stille und doch sehr sichtbare Weise, so dass Lundo nun ein Bergdorf mit einzigartiger Anziehung geworden ist. Die gesamte Arbeit ist in umfassendem Sinne dem Frieden und der Gesundheit von Mensch und Natur gewidmet.
Die Tatsache, dass viele Besucher kommen, auch Gäste, die an Seminaren an der von Heinz Grill geleiteten spirituell- ökologischen Hochschule in Naone teilnehmen oder Kranke, die eine Zeit der Regeneration in der schönen Ortschaft verbringen und sich mit viel Eigenaktivität in ihren Genesungsprozess begeben, führte dazu, dass nun von der Gemeinde Comano Terme das einspurige Sträßchen, das bisher nach Lundo führte, in eine zweispurige Straße umgebaut wird.
Es gibt alteingesessene Einwohner in Lundo, die dankbar sind für diese Entwicklung. Sie konnten Wohnungen, Häuser und Grundstücke verkaufen und freuen sich über neu eingezogenes Leben in ihrem Dorf.
Es gibt auch andere, die dem alten Lundo nachtrauern, wie es früher einmal war. Doch wenn die jungen Menschen abwandern, wenn keine neuen Impulse zur Belebung geschehen, was bleibt dann noch?
Lundo ist heute ein schon bestehendes und sich weiter entwickelndes Zukunftsprojekt, in dem alle Zugezogenen sich als Gäste fühlen und verhalten, und die Lundianer sich als Gastgeber sehen. Gegenseitige Wahrnehmung und Wertschätzung aller, die dort leben und auf Besuch kommen, weder ein selbstverständliches In-Besitz-Nehmen, noch ein abwehrendes Verhalten gegenüber Zugegezogenen, das wäre das Ideal eines fruchtbaren Zusammenlebens.
Das kleine Bergdorf ist zu einem Ort geworden, an dem die Welt nicht zu Ende ist. Mir scheint, es beginnt dort sogar eine besonders schöne Welt, in der der Besucher die belebende Möglichkeit der Begegnung in einem natürlichen Miteinander von Altem und Neuen erleben kann. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass hier ein Dorf auferstanden ist und eine neue Blüte entfaltet hat.


0 Kommentare