Lieber Stefan,
zu dem, wie du Sprache und Worte siehst, habe ich eine andere Auffassung. Sprache ist mein Beruf, das Übersetzen, das sich Hineindenken und -fühlen, was ein Autor ausdrückt und wie dies am besten in einer anderen Sprache ausgedrückt wird. Und auch unabhängig davon bin ich der Ansicht, dass Worte und die Art, wie ich Worte wähle, sehr wohl etwas mit dem Leben und mit dem, dass ich andere Menschen erbauen oder auch ihnen Schmerz zufügen kann, zu tun hat. Ich habe zwar das Johannesevanglium nicht durchdrungen, halte jedoch den Prolog „Am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott…“ für eine sehr tiefe meditative Weisheit.
Jetzt etwas weiter heruntergebrochen, es geht dir ja und auch mir um die Entwicklung von Liebesfähigkeit, da könnte ich einen wunderbaren Film empfehlen, „Der Postmann“ von Michael Redford mit dem schon verstorbenen Schauspieler Massimo Troisi. Ich habe selten einen so einfühlsamen Film zu Sprache gesehen. Und darüber, wie ein einfacher italienischer Mann darum ringt, einer Frau, die er verehrt, seine Liebe mit Worten mitzuteilen. Es gelingt ihm letztendlich durch die Freundschaft zu Pablo Neruda und dadurch, dass dieser ihn in die Kunst der Worte einweist.
Dann noch ein Gedanke zu Worten und Begriffen. Diese sind ja nicht willkürlich bestimmten Tätigkeiten oder Objekten zugewiesen von einem fremden Menschen oder einem fremden Gott. Ich finde die Etymologie der Worte sehr interessant. Was ist der Ursprung eines Begriffes? Es muss bei jedem Wort einmal einen oder mehrere Menschen gegeben haben, die aus ihrem Erleben und ihrer schöpferischen Tätigkeit eine Benennung einer Tätigkeit oder eines Objektes kreierten. Und das ist auch noch nicht zu Ende. Die Sprache lebt und der schöpferische Mensch bringt auch neue Wörter hervor. Das wäre ein großes und spannendes Thema für sich allein schon.
Also, kurzum, ich sehe die Liebe, das Leben und den Geist in gleicher Weise in den Worten, wie andere Menschen sie im Wasser oder sonstigen Phänomenen auf dieser Welt erkennen.
Und schließlich, Stefan, noch meine persönliche Antwort auf deine Frage, ob mich irgendein Wissen im Leben schon weitergebracht hat. Ganz ehrlich, mich hat jedes Wissen, das ich mir errungen habe, weitergebracht. Ich meine damit, ich wachse damit in meiner Persönlichkeit. Ich kann mich in der Welt orientieren, Fähigkeiten entwickeln, Menschen und Berufe besser verstehen, die Natur differenzierter und mit höherer Wertschätzung erleben und vieles mehr. Ich halte Wissen für nichts Schlechtes, sondern für etwas Notwendiges. Ein Mensch, der nicht die Möglichkeit von Bildung im Sinne unserer Schulbildung hat oder durch Personen, von denen wir lernen, ist nicht ein minderere Mensch und er kann meines Erachtens natürlich liebesfähig sein. Jedoch, wenn Möglichkeit zur Bildung vorhanden ist, dann ist es etwas sehr Schönes und Edles, sich weiterzuentwickeln. Das sehe ich z.B. an afrikanischen Frauen, die hier in Deutschland zum ersten Mal in die Schule gehen können. Wie oft habe ich da einen Lerneifer, eine unbändige Lernfreude beobachten können, weil es normalerweise dem Menschen inneliegt, sich weiterentwickeln zu wollen und an einem Leben in der Gesellschaft teilhaben zu wollen und hier die eigenen Fähigkeiten einzubringen.
Zu unterscheiden ist natürlich rein intellektuelles Wissen, das ich wie unverbunden, unverstanden und unverdaut in mich hineinlerne, von denkend und praktisch arbeitend errungenem Wissen.
Mit herzlichem Gruß, Maria
