#8632
Maria
Administrator

    Lieber Stefan,

    auf die Begriffe “Vorstellung”, “Illusion”, “objektive Wahrheit” möchte ich zu sprechen kommen. Ich denke, beim Begriff der “Illusion” sind wir uns einig, ein Mensch denkt oder trägt etwas in sich, was tatsächlich nicht der Realität entpricht.
    Bei Vorstellung wird es schwieriger, da ich es so sehe, dass eine Vorstellung tatsächlich objektiv sein kann, dass ich mir aber auch eine falsche Vorstellung machen kann. Wenn Migranten nach Deutschland kommen und die Vorstellung haben, hier bekommen sie ein Haus und es ist für sie gesorgt, dann ist das eine falsche Vorstellung, die durch Erfindungen und Geschichten von Schleppern vorgegaukelt werden. Das ist ein sehr banales Beispiel.

    Vorstellung ist aber auch etwas sehr Konkretes mit klarem Bezug zur Wirklichkeit. Ich beschäftige mich mit einem Thema, z.B. ich will ein bekömmliches Vollkornbrot aus Sauerteig backen, dann habe ich in der Regel ein ideales Brot vor Augen. Ich arbeite mich in die Fachkunde hinein und kann alle Prozesse, die schließlich bis zum fertigen Brotlaib führen, mit Aufmerksamkeit und Kenntnis, Wissen wie lange ich knete, wie Verhältnis von Teig, Sauerteig sein müssen, Lenkung der Wärme- und Hitzeprozesse, wie lange es gehen muss, bei welcher Temperatur es in den Ofen kommt und wann wieder heraus aus der konkreten Vorstellung führen. Zu einer solchen Vorstellung brauche ich aber tatsächlich einen realen Bezugspunkt, beim Erforschen einer Pflanze eben die Pflanze, beim Erforschen einer Textstelle aus den Evangelien dann diese Textstelle. Ohne diesen realen Bezug nach außen ist wahrscheinlich die Vorstellung oft durch Wünsche,(schlechte) Erfahrungen, Assoziationen, Projektionen, die aus unserem Inneren hochsteigen, verschattet.

    Die eigene “Geisteshaltung” wie du schreibst, ich sage vielleicht eher Bewussteinshaltung, muss demnach keine Illusionswelt sein, kann es aber sein, eben je nachdem mit welchen Bezügen und konkreten Ausrichtungen ich eine Sache betrachte.

    Ich gehe übrigens schon davon aus, dass es einem Menschen möglich ist, eine “objektive Wahrheit” zu erfassen. Das wird aber keine Zufallsintuition sein, sondern mit sehr viel Hinwendung, Beobachtung, Fragestellungen zu einem Ergebnis führen. Goethe war in diesem wahrnehmenden Denken ein Vorreiter und er hat viele Naturbetrachtungen gepflegt, er hat auch den Himmel und die Entwicklung des Wetters genau und wiederholt beobachtet und kam schließlich zu dem Schluss, dass es möglich ist, dass Menschen das Wetter “machen”.

    Die Liebe, wie du schreibst, ist schon die tiefste Kraft und ist sie in einem Menschen verwirklicht und wirksam, dann werden in ihm nur entwicklungsförderliche Vorstellungen gedeihen, so sehe ich das. Und was du zum Essen schreibst, das finde ich sehr wertvoll. Sich erinnern, wie das vor uns stehende Essen entstand, wie viele Kräfte und Menschen daran wirkten, dass ich es jetzt essen kann, sich dessen bewusst zu werden und damit eine Dankbarkeit zu entwickeln, das macht das Essen zu einem sehr tiefen und erfüllenden Vorgang.

    Meine Erfahrung ist, wenn wir uns unsere Worte, wie wir sie verstehen, erklären, dann kommen wir leichter mit einem Thema zurecht und in einen Austausch.

    Mit herzlichem Gruß, Maria